Tränenflüssigkeit: Diagnose von Krankheiten möglich?
Wie Blut und Urin kann auch die Träne Veränderungen im Körper widerspiegeln. Welche Biomarker gibt es, was weiß man heute, und wann könnten diese Tests in den Alltag kommen?
Die Tränenflüssigkeit enthält Proteine, Fette, Stoffwechselprodukte und Antikörper. Außerdem lässt sie sich leicht gewinnen, ohne das Auge zu berühren. Deshalb wird erforscht, ob eine Tränenflüssigkeit Diagnose ähnlich wie Blut- und Urintests möglich ist. Bei manchen Augenerkrankungen, zum Beispiel dem trockenen Auge, kommen Tränentests bereits zum Einsatz. Für systemische Erkrankungen wie Multiple Sklerose gibt es zwar vielversprechende Ergebnisse. Diese Tests befinden sich jedoch noch im Forschungsstadium und werden nicht routinemäßig eingesetzt.
Warum Tränenflüssigkeit für die Diagnose?
Um eine Krankheit festzustellen, untersucht man heute meist Blut, Urin oder in manchen Fällen das Nervenwasser (zum Beispiel bei der Diagnose der Multiplen Sklerose). Für die Entnahme von Nervenwasser muss man jedoch mit einer Nadel in den unteren Rücken stechen. Das ist für Patienten belastend. Tränenflüssigkeit dagegen lässt sich mühelos und in wenigen Minuten gewinnen, ohne das Auge zu berühren. Außerdem wird sie von der Augenoberfläche gebildet, die eng mit dem Blutkreislauf und dem Nervensystem verbunden ist.
„Die Träne ist eine Probe, die Veränderungen in unserem Körper zeigen kann, ähnlich wie Blut, Urin oder Nervenwasser aus dem Rücken. Die Forschung zur Diagnose von Krankheiten über Biomarker in der Träne läuft, und wir verfolgen die Entwicklung mit großem Interesse.“
— Prof. Dr. Fırat Helvacıoğlu, aus dem Videobeitrag
Tränenflüssigkeit: Diagnose von Krankheiten möglich?
Prof. Dr. Fırat Helvacıoğlu erklärt, ob sich Krankheiten anhand der Tränenflüssigkeit diagnostizieren lassen.
Kann die Träne eine „Flüssigbiopsie“ sein?
Die Tränenflüssigkeit enthält Proteine, Fette, Stoffwechselprodukte und Antikörper und lässt sich leicht gewinnen, ohne das Auge zu berühren. Man erforscht, ob Veränderungen darin Erkrankungen des Auges und des gesamten Körpers widerspiegeln.
- ProbenentnahmeEin dünner Streifen am unteren Lid oder ein Kapillarröhrchen gewinnt die Probe in wenigen Minuten, ohne das Auge zu berühren.
- InhaltDie Träne enthält viele verschiedene Proteine und Moleküle. Veränderungen ihrer Menge werden als „Biomarker“ untersucht.
- ForschungNeben Augenerkrankungen untersucht man auch einige Erkrankungen des Nervensystems und Krebserkrankungen.
Was weiß man heute über die Tränenflüssigkeit Diagnose?
Ein Übersichtsartikel fasst Studien zum Inhalt der Tränenflüssigkeit zusammen. Demnach unterscheiden sich einzelne Proteine bei trockenem Auge, Sjögren-Syndrom, Kontaktlinsenträgern, Glaukom, diabetischer Retinopathie und einigen Krebserkrankungen. Die Autoren betonen, dass die Analyse der Tränen vielversprechend ist. Sie hilft nämlich, die Entstehung von Krankheiten zu verstehen, und kann zu neuen Diagnoseverfahren führen.
- Bei Augenerkrankungen: Für die Diagnose und Verlaufskontrolle des trockenen Auges werden in der Praxis bereits einige Messungen der Tränenflüssigkeit genutzt.
- Bei systemischen Erkrankungen: Studien zu Diabetes, Erkrankungen des Nervensystems und Krebs laufen noch. Diese Tests werden jedoch noch nicht routinemäßig eingesetzt.
Erkrankungen des Nervensystems und die Träne
In einer Studie mit Patienten mit Multipler Sklerose (MS) wurden in der Tränenflüssigkeit 185 verschiedene Proteine identifiziert. Eines davon, Alpha-1-Antichymotrypsin, war bei MS-Patienten in der Träne, im Nervenwasser und im Blut erhöht. Die Forschenden vermuten daher, dass dieses Protein künftig ein Marker sein könnte, der sich zur MS-Diagnose in der Träne messen lässt.
Solche Befunde sind spannend. Dennoch stammen sie aus ersten Studien mit kleinen Patientengruppen. Damit ein Test in der Diagnostik eingesetzt werden kann, muss er außerdem an viel größeren und unterschiedlichen Patientengruppen bestätigt werden.
Grenzen der Tränenflüssigkeit Diagnose
- Die Menge der Tränenflüssigkeit ist sehr gering, und die Art der Entnahme kann das Ergebnis beeinflussen.
- Ihre Zusammensetzung verändert sich im Tagesverlauf sowie durch trockene Augen, Kontaktlinsen und Umwelteinflüsse.
- Die Messmethoden müssen zwischen den Laboren vereinheitlicht werden.
- Marker für systemische Erkrankungen müssen zudem in großen Studien bestätigt werden.
Was ist künftig zu erwarten?
Dank des technischen Fortschritts lassen sich aus winzigen Flüssigkeitsproben inzwischen tausende Moleküle messen. Deshalb könnte die Tränenflüssigkeit in Zukunft bei einigen Erkrankungen als Screening- oder Verlaufsinstrument dienen. Heute gilt jedoch weiterhin: Bei Verdacht auf eine systemische Erkrankung kommen die Standardverfahren der Diagnostik zum Einsatz.
Wenn Sie Beschwerden an der Augenoberfläche oder mit der Tränenflüssigkeit haben, lesen Sie auch unsere Beiträge „Warum trocknen Ihre Augen im Winter aus?“ und „Warum tränen Ihre Augen?“.
Häufige Fragen
Bei einigen Augenerkrankungen werden Messungen der Tränenflüssigkeit bereits genutzt. Für systemische Erkrankungen befinden sich Tränentests dagegen noch im Forschungsstadium und werden nicht routinemäßig in der Diagnostik eingesetzt.
Man gewinnt sie in wenigen Minuten mit einem dünnen Papierstreifen am unteren Augenlid oder mit einem Kapillarröhrchen; Schmerzen sind dabei nicht zu erwarten.
Studien zeigten, dass sich einige Proteine in der Träne von MS-Patienten unterscheiden. Diese Befunde sind jedoch noch kein Test, der in der Diagnostik eingesetzt werden kann.
Neben Wasser und Salzen enthält sie Proteine, Fette, Stoffwechselprodukte, Antikörper und RNA-Fragmente. Deren Menge kann sich je nach Veränderungen im Auge und im Körper unterscheiden.
Ein genaues Datum lässt sich nicht nennen. Zuerst müssen die Befunde in großen Patientengruppen bestätigt und die Messmethoden standardisiert werden.
Weiterführende Seiten
Quellen
- von Thun und Hohenstein-Blaul N, Funke S, Grus FH. Tears as a source of biomarkers for ocular and systemic diseases. Exp Eye Res. 2013;117:126-137. doi:10.1016/j.exer.2013.07.015
- Salvisberg C, Tajouri N, Hainard A, Burkhard PR, Lalive PH, Turck N. Exploring the human tear fluid: discovery of new biomarkers in multiple sclerosis. Proteomics Clin Appl. 2014;8(3-4):185-194. doi:10.1002/prca.201300053
- Craig JP, Nichols KK, Akpek EK, et al. TFOS DEWS II Definition and Classification Report. Ocul Surf. 2017;15(3):276-283. doi:10.1016/j.jtos.2017.05.008
Dieser Beitrag dient der Patienteninformation und ersetzt keine Untersuchung und ärztliche Beurteilung. Die passende Behandlung wird nach der Augenuntersuchung und den Messungen festgelegt. Veröffentlicht am 25. September 2026.
Bei Fragen erreichen Sie Prof. Dr. Fırat Helvacıoğlu
Prof. Dr. Fırat Helvacıoğlu · Veni Vidi Eye Clinic, Bağdat Cad. No: 257, Caddebostan – Kadıköy / Istanbul
