Endokrine Orbitopathie: Wenn die Schilddrüse die Augen betrifft
Hervortretende Augen, zurückgezogene Lider, Trockenheit und Doppelbilder: Die endokrine Orbitopathie ist eine Schilddrüsen-Augenerkrankung. Welche Symptome sind ein Notfall, und wie behandelt man sie?
Eine Schilddrüsenerkrankung kann die Augen betreffen. Am häufigsten tritt die endokrine Orbitopathie bei Morbus Basedow auf, also bei einer Überfunktion der Schilddrüse. Dabei schwellen das Gewebe und die Muskeln hinter dem Auge an. Deshalb treten die Augen hervor, das Oberlid zieht sich zurück, und das Auge wird trocken und rot. Auch Doppelbilder sind möglich. Bei Hashimoto, einer Unterfunktion der Schilddrüse, kommen ebenfalls Trockenheit und Schwellungen um die Augen vor. Grundlage der Behandlung sind gut eingestellte Schilddrüsenwerte, ein Rauchstopp und der Schutz der Augenoberfläche. Bei aktiver, mittelschwerer bis schwerer Erkrankung erhalten Patienten Medikamente. Bei bleibenden Veränderungen hilft eine Operation.
Wie entsteht eine endokrine Orbitopathie?
Bei Morbus Basedow ist die Schilddrüse überaktiv. Dann greift das Immunsystem nicht nur die Schilddrüse an. Es kann auch das Fettgewebe in der Augenhöhle und die Augenmuskeln treffen. Entzünden und schwellen diese Gewebe an, wird das Auge nach vorn gedrängt, und die Lider ziehen sich zurück. Diese Erkrankung heißt endokrine Orbitopathie (Graves-Orbitopathie).
Bei Hashimoto arbeitet die Schilddrüse dagegen zu wenig. Hier stehen eher trockene Augen und Schwellungen um die Augen im Vordergrund. Seltener entwickelt sich aber auch dort eine endokrine Orbitopathie. Außerdem können die Augenbefunde schon bei normalen Schilddrüsenwerten auftreten.
„Eine Schilddrüsenerkrankung kann dazu führen, dass die Augen hervortreten, die Lidspalte weiter wird und die Augenoberfläche austrocknet. In fortgeschrittenen Fällen kann auch der Sehnerv betroffen sein. Endokrinologische und augenärztliche Kontrollen sollten deshalb gemeinsam erfolgen.“
— Prof. Dr. Fırat Helvacıoğlu, aus dem Videobeitrag
Die Schilddrüse kann Ihre Augen betreffen
Prof. Dr. Fırat Helvacıoğlu erklärt, wie sich eine Schilddrüsenerkrankung auf die Augen auswirkt.
Was verändert sich bei der endokrinen Orbitopathie am Auge?
Die Immunreaktion der Schilddrüse lässt das Fettgewebe und die Muskeln um das Auge anschwellen. Deshalb zieht sich das Lid zurück, das Auge tritt hervor, und die Augenoberfläche trocknet aus.
- Normales AussehenDas Oberlid bedeckt den oberen Rand der Iris leicht. Das Lid schützt die Augenoberfläche gut.
- LidretraktionDas Oberlid wird nach oben gezogen, und über der Iris wird das Weiße sichtbar. Der Blick wirkt „erstaunt“, und das Auge wird trocken und rot.
- Hervortreten des AugesJe stärker das Gewebe hinter dem Auge anschwillt, desto weiter wird das Auge über den Knochenrand nach vorn gedrängt. Die Lider schließen sich dann eventuell nicht mehr vollständig.
Endokrine Orbitopathie: Symptome
- Stechen, Brennen, Fremdkörpergefühl und Tränenfluss
- Rötung und geschwollene Lider, vor allem morgens
- Hervortretende Augen und weißer Rand über oder unter der Iris beim Blick geradeaus
- Schmerzen bei Augenbewegungen und Doppelbilder
- Lichtempfindlichkeit und unvollständiger Lidschluss
Die Beschwerden können an einem oder an beiden Augen unterschiedlich stark sein. Zunächst folgt meist eine aktive Entzündungsphase, die einige Monate bis zwei Jahre dauert. Danach geht die Erkrankung in eine ruhige (inaktive) Phase über.
Endokrine Orbitopathie: Wann ist es ein Notfall?
Kommen Sie noch am selben Tag
- Nachlassendes Sehen oder blasse Farben
- Plötzlich beginnende oder schnell zunehmende Doppelbilder
- Schmerzen und Trübung der Hornhaut, weil sich das Auge nicht schließen lässt
Diese Symptome können auf einen Druck auf den Sehnerv oder auf einen Hornhautschaden hinweisen. Deshalb erfordern sie eine sofortige Behandlung.
Endokrine Orbitopathie behandeln
| Situation | Vorgehen |
|---|---|
| Alle Patienten | Schilddrüsenwerte einstellen, Rauchstopp, künstliche Tränen und Schutz der Augenoberfläche |
| Leichte, aktive Erkrankung | Behandlung der Augenoberfläche und Verlaufskontrolle; bei manchen Patienten Selen-Präparate |
| Mittelschwere bis schwere, aktive Erkrankung | Kortison über die Vene und bei Bedarf weitere Medikamente, die das Immunsystem regulieren |
| Bedrohung des Sehvermögens | Hochdosiertes Kortison; ohne Ansprechen eine dringende Operation zur Entlastung der Augenhöhle (Dekompression) |
| Verbleibende Veränderungen in der ruhigen Phase | Dekompression, Operationen bei Schielen und an den Augenlidern (in dieser Reihenfolge) |
Die Leitlinie der European Group on Graves’ Orbitopathy (EUGOGO) von 2021 empfiehlt, die Behandlung nach Schweregrad und Aktivität der Erkrankung zu planen. Außerdem sollte man in der Regel erst operieren, wenn die Erkrankung in die ruhige Phase übergegangen ist. Deshalb prüfen wir bei geplanten Lidoperationen immer vorher, ob eine endokrine Orbitopathie vorliegt.
Rauchen und endokrine Orbitopathie
Rauchen ist der wichtigste veränderbare Risikofaktor für die Entstehung und Verschlechterung der endokrinen Orbitopathie. Außerdem verschlechtert es das Ansprechen auf die Behandlung. Wenn Sie eine Schilddrüsenerkrankung haben, ist ein Rauchstopp daher einer der wirksamsten Schritte zum Schutz Ihrer Augen. Ist eine Radiojodtherapie geplant, empfehlen Ärzte eine augenärztliche Beurteilung vorab. Bei Bedarf erfolgt zusätzlich eine vorbeugende Behandlung.
Häufige Fragen
Die aktive Entzündungsphase klingt meist innerhalb von einigen Monaten bis zwei Jahren ab. Manche Veränderungen bilden sich von selbst zurück. Bleibende Veränderungen lassen sich dagegen in der ruhigen Phase operativ korrigieren.
Der Augapfel selbst wird nicht größer. Allerdings schwellen das Gewebe und die Muskeln hinter dem Auge an. Dadurch wird das Auge nach vorn gedrängt, und die Lider ziehen sich zurück. So wirken die Augen größer.
Bei Hashimoto kommen vor allem trockene Augen und Schwellungen um die Augen vor. Seltener entwickelt sich auch eine endokrine Orbitopathie.
In der Regel erst, wenn die Erkrankung seit mindestens einigen Monaten ruhig ist. Falls nötig, folgt sie auf die Operationen zur Dekompression und zum Schielen.
Ohne Augenbeschwerden genügt oft eine Untersuchung bei der Diagnose und eine im Verlauf der Behandlung. Bei Beschwerden richtet sich der Kontrollabstand nach der Aktivität der Erkrankung.
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Quellen
- Bartalena L, Kahaly GJ, Baldeschi L, et al. The 2021 European Group on Graves’ orbitopathy (EUGOGO) clinical practice guidelines for the medical management of Graves’ orbitopathy. Eur J Endocrinol. 2021;185(4):G43-G67. doi:10.1530/EJE-21-0479
- Craig JP, Nichols KK, Akpek EK, et al. TFOS DEWS II Definition and Classification Report. Ocul Surf. 2017;15(3):276-283. doi:10.1016/j.jtos.2017.05.008
Dieser Artikel dient der Patienteninformation und ersetzt keine Untersuchung und keine ärztliche Beurteilung. Die passende Behandlung legen wir nach der Augenuntersuchung und den Messungen fest. Veröffentlicht am 25. September 2026.
Bei Fragen erreichen Sie Prof. Dr. Fırat Helvacıoğlu hier
Prof. Dr. Fırat Helvacıoğlu · Veni Vidi Eye Clinic, Bağdat Cad. No: 257, Caddebostan – Kadıköy / Istanbul
